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interview mit nachtwaertz, 2005
Interview mit dem Onlinemagazin Nachtwaertz im Oktober 2005 anlässlich der Ausstellung "gz's hirnzucken - the early videoworks" in der Galerie Zero Arts e.V.
Gabrielle, erst einmal vielen Dank für das Interview.
1) Was bedeutet denn eigentlich „Hirnzucken“?
Gute Frage – eigentlich war es ein selbst kreierter Begriff, der auf der Suche nach einem Domainnamen entstand. Das muss 2001 gewesen sein. Alles was ich zuerst wollte, war schon weg,
dann begann ich mir längere Begriffe auszudenken, da war auch englisches und französisches dabei (ich denke gewissermaßen in drei Sprachen, das eine passt besser in deutsch, das andere in englisch
oder französisch) … da sagte mir mein damaliger Freund, das ist alles vieeel zu kompliziert, das kann sich kein Mensch merken, so wurde die Brainstormingliste wieder kürzer. Dann ließ ich sie eine
Nacht ruhen, doch schon da ließ mich meine Wortkreation „Hirnzucken“ nicht mehr los. Am nächsten Tag schaute ich die Liste noch mal an, strich gnadenlos alle noch übrigen Begriffe durch und
eigentlich war es sowieso schon klar - „Hirnzucken“ passte perfekt.
Es passte zu allem was mich umtreibt – Texte, Bilder, Videos, der Traum eines Kurzfilms, gar zu experimenteller oder verzweifelter Musik … es wurde das perfekte Label, für meine seltsame Welt.
Es steht für mich, für eine ständige, manchmal positive, manchmal schreckliche (übermäßige) Gehirntätigkeit – ein ständig tausend Gedanken produzierendes, ständig unendlich viele Eindrücke
verarbeitendes Gehirn. Das können Ideen sein – so viele, dass sie schon nicht mehr zu verarbeiten sind – aber auch quälende Gedanken, Fragen, Grübeleien, die einen einfach nicht loslassen – ein
Gefühl, das einen nachts wach hält, umtreibt, … usw., einige mögen das sicherlich kennen …
Erst ca. 2 Jahre später entdeckte ich durch „googeln“, dass dieser Begriff auch von Menschen in einem Forum über Depressionen und Angstzustände als Bezeichnung für eine Nebenwirkung beim Absetzen
eines bestimmten Medikaments, dessen Namen ich wieder vergessen habe, verwendet wurde, was ja aber auch irgendwie passt. Interessieren mich doch seit jeher die menschliche Psyche und Physis und auch
deren Abgründe und Schattenseiten …
Und „Hirnzucken“ passt auch zu meiner Arbeitsweise, die oft gar keine ist, da ich manchmal solange eine Idee mit mir herumtrage, bis sie schon wieder „zerdacht“ ist, ich sie wieder verwerfe, was aber
nicht heißt, dass sie nicht Jahre später wieder aus den Untiefen der Gehirnwindungen ausgegraben werden kann … ;)
Welchen künstlerischen Background hast Du?
Eigentlich war von meiner frühesten Kindheit an klar, dass ich „irgendwas mit Kunst“ oder Sprachen machen werde. Ich fing früh an zu malen, war zwar kein Außenseiter als Kind, fühlte
mich aber irgendwie schon immer so und konnte schon recht früh auch gut allein sein, mich wunderbar allein beschäftigen, man musste mir nur Stifte und Papier geben … Lange Zeit wollte ich dann auch
Modedesignerin oder Innenarchitektin werden – lustigerweise aber auch Pathologin, was mit einem kleinen ambulanten chirurgischen Erlebnis im Alter von ca. 12 Jahren zu tun hatte – die Designideen
verwarf ich dann aber, da sie meiner Vorstellungen der Individualität, die ich im Lauf der Zeit entwickelte, widersprachen.
Nach dem Abi wollte ich dann doch freie Kunst (Malerei) studieren, schlitterte jedoch nach einer Bewerbungsablehnung und einem Grafikdesignpraktikum in die große Krise und beschloss mich erstmal der
Theorie zu widmen. So landete ich bei der Kunstgeschichte bzw. -wissenschaft und verzagte dadurch immer mehr – es gibt ja schon alles, was soll ich da noch … – und zerstörte so gut wie alles an
Bildern. Entdeckte aber dafür die Videokunst und immer mehr meine Liebe zum bewegten Bild. Filme hatten mich schon immer interessiert und während der Zeit meines Studiums wurde ich immer mehr zu
einer Cineastin oder einem Filmfreak *g*. Ich suchte mir auch immer Nebenjobs, durch die ich umsonst Filme schauen konnte, sei es im Kino oder auf Video. Ich beschäftigte mich mit allem vom frühen
Experimentalfilm, über Filmgeschichte, große Regisseure bis zur Film- und Videokunst. Auch meine Magisterarbeit schrieb ich über Videokunst. Gegen Ende meines Studiums fasste ich wieder Mut und
dachte mir, es produzieren so viele so vieles – z.T. durchaus auch qualitativ Diskussionswürdiges, warum soll ich mich immer beschämt zurückhalten? Ich muss einfach auch wieder „machen“, denn es
fehlte mir schmerzlich – so kam es erstmal zur „TGS“ (terrorgruppe süd), doch das Lebenskunstwerkeprojekt scheiterte, da der Rest irgendwie nicht so viel Interesse daran hatte wie ich und die Zeit
der Kunstkollektive ist wohl einfach vorbei. Ich fing aber damals schon an, auf meine eigene kleine (mittlerweile längst nicht mehr dem neuen Hightech-Standard entsprechende) Videokamera zu sparen.
Am Anfang muss man sich regelrecht beherrschen lernen, nicht nur noch ununterbrochen alles zu filmen … Da trifft eine Art „Archivierzwang“ auf die Freude an Momenten, an Bildern, die kleine
Geschichten erzählen können und die Faszination der Magie des Augenblicks.
Ich fing auch immer wieder an, Ideen für andere Arbeiten zu entwickeln, doch die wurden nie ganz zu Ende realisiert; die Faszination des bewegten Bildes bzw. aus diesem wieder Stills zu ziehen,
gewann immer.
Wenn Du Dich mit 3 Worten beschreiben müsstest...?
Ohje *lach* das ist ja genau so furchtbar, wie wenn jemand fragt, nenn deine 3 Lieblingsfilme – da kann ich immer nur sagen – nur 3? Das ist vieeeel zu wenig
3 Worte zu mir? Hm
crazy, lazy, openminded oder etwas neurotisch, faul und gierig oder lebenshungrig, neugierig, unberechenbar oder intuitiv, emotional, bildwütig ???
ich finde es sehr schwierig sich selbst zu beschreiben – sehe ich mich doch auch nicht immer gleich … morgen sag ich bestimmt was anderes *lächel*
lieber nächste Frage J
Oder meinst du meine Kunst? Das geht besser mit drei Worten:
wie wär es mit
Authentizität, Transformation, Abstraktion
Du stellst Deine Werke ab dem 11.11. bei Zeroarts aus. Was erwartet den Besucher Deiner Ausstellung?
Es ist das erste Mal, dass die Galerie Zeroarts Videokunst zeigt, ich weiß nicht, wie Betrachter, dich sie nie mit Videokunst beschäftigt haben, darauf reagieren.
Wir zeigen meine frühen Arbeiten dort – die passen auch vom Kontext her ganz gut in die Galerie. Das „Horrorpiece for Hairfetishists“ wird im großen Raum an die Stirnwand projeziert und stellt das
Herzstück der Ausstellung dar – es ist zwar nicht die von der Idee her erste Arbeit – das ist eigentlich „Makeup should be finally recognized as an artform“ – aber das „Hairpiece“ und das
„Horrorpiece …“ sind die ersten realisierten Arbeiten mit der damals neuen Kamera. Die Arbeiten sind alle low tech – ich hatte kein Stativ, keine Beleuchtung, nichts. Es war sozusagen strictly
underground & rock’n roll. Der authentische Moment zählt –das ist bis heute so – und den muss man erfassen, wenn er da ist, der lässt sich oft nicht planen oder verschieben. Die frühen Arbeiten
sind sehr konzeptuell. Es geht immer irgendwie um Körperkulte, die ganz sachlich eingefangen werden, aber auch immer von einem fetischistischen Gesichtspunkt aus wahrgenommen werden können – so
stellt sich der Bezug zu euerer site wieder her ;) Die Arbeiten wollen ohne großartige Nachbearbeitung und viele Schnitte auskommen. Es geht eher um die Idee. Manchmal auch um ein Gefühl ...
Das nette an der Ausstellung in der Galerie Zeroarts ist, dass das „Horrorpiece …“ durch die Projektion auf die Stirnwand des großen Galerieraums eine zusätzliche konzeptionelle Ebene erhält, da es
genau auf die Wand projiziert werden soll, vor der es damals gedreht wurde.
„Myself as an Allan Jones table“ wiederum ist eigentlich eine Hommage an die Pop Art – wobei natürlich Allan Jones auch derjenige unter den Pop Art Künstlern war, der sich am provokantesten mit der
Objektisierung der Frau, aber auch gleichzeitig mit Fetischismen auseinandersetzte – auch das lässt sich auf verschiedenen Ebenen wahrnehmen – sowohl als kritischer als auch voyeuristischer Ansatz.
Das ist mit „Myself as an Allan Jones table“ genauso. Aber gerade hier in einem SM-Forum, muss man vielleicht dazusagen, dass diese Performance für mich eher ein Horror war. Obwohl mir die „SM-Welt“
nicht völlig fremd ist, aber das ist überhaupt nichts wofür ich eine Neigung hätte! Und es war auch extrem anstrengend so eine Glasplatte, die zwei Männer heben mussten, um sie mir auf den Rücken zu
legen, zu balancieren. Das Interessante ist hier auch wieder die Transformation und die Objektisierung. Würde es nicht im Titel stehen, niemand wüsste, dass ich es bin. Und durch die ‚Verkleidung’
kann ich es interessanterweise selbst komplett vergessen und das Abbild wirklich als fremdes ‚Objekt’ betrachten. Das ist eine interessante Erfahrung. Aber ich will nicht komplett abschweifen.
Das sind die drei Arbeiten, die auf jeden Fall zu sehen sein werden. Ansonsten wird es noch ausbelichtete Stills geben, dass die Freunde des Bildes an der Wand nicht ganz leer ausgehen. Inwieweit es
im kleinen Ausstellungsraum noch eine kleine Videoinstallation passend zum Thema des Raumes geben wird, hängt davon ab, ob ich da doch noch einen Sponsor für die Technik auftun kann, denn das ist
etwas komplexer, wenn nicht, (was sich mittlerweile als wahrscheinlicher abzeichnet) dann gibt es dort wohl die ausbelichteten „Hirnwindungsdetails“ zu sehen, die sich nun jähren – seit einem Jahr
gibt es auf Hirnzucken jeden Monat ein so genanntes „Hirnwindungsdetail“ – ein Videostill, neuerdings aber auch ab und an ein Digitalfoto. Da ich aber jemand bin, der sich gern erst so spät wie
möglich festlegt, kann es sein, dass sich da auch noch mal Kleinigkeiten ändern! Und mehr will ich auch gar nicht verraten ;-)
Woher holst Du Dir Deine Inspiration?
Nun, ich denke, das ist immer eine Mischung aus inneren Bildern und äußeren Eindrücken – Phantasie und Realität. Ideen die durchs „Hirn zucken“. Das schnelle Leben, das immer
schneller wird und in reizüberflutenden Bildern von allen Seiten durch Medien und real auf uns einstürmt …
Inspirationen sicher auch durch die endlose Menge an (teils auch kranken oder krassen) Filmen, die ich mir gerne und viel anschaue. Auch Menschen aus meinem näheren und weiteren Umfeld, durch die ich
netterweise ab und an auch die Möglichkeit erhalte, ungewöhnlichere Situationen zu filmen. Und ich kenne viele spannende Menschen, Individualisten, die – jeder auf seine Art – versuchen ihr Ding zu
leben, was ich schon immer respektiert und bewundert habe und was ich ja auch selbst versuche.
Ist die Ausstellung familienkompatibel?
Also die visuals zu dem musikalischen life act sind es definitiv nicht.
Ansonsten ist das ja oft schwer zu beurteilen, ein paar der Hirnwendungsdetails sind auch nicht ganz jugendfrei. Daher muss ich wohl sagen, nur bedingt.
An was arbeitest Du gerade/ was planst Du als nächstes?
Nun seit einiger Zeit geht es mir ja eher um meine „visual poems“ wie ich sie nenne, man könnte sie auch als bewegte Collagen bezeichnen. Und das ist sozusagen never ending work in progress – denn ich sammle ja schon lange und beständig Bildmaterial, weiß oft das muss ich filmen, was ich aber im Endeffekt daraus mache, welche Sequenzen mit welchen zusammenkommen, das muss sich finden, das sind langwierige Prozesse, die auch Jahre dauern können …
Außerdem träume ich immer noch von einem experimentellen fetischistischen Horrorkurzfilm, aber da bedarf es Planung, Sponsoren, mehr Technik als mir zur Verfügung steht und koordinierter Teamwork, daher wird das sicher noch ein wenig dauern, da ich jemand bin, der eigentlich alles selber machen will und gern spontan, eigenverantwortlich und auch etwas eigenbrötlerisch vor sich hinwurschtelt … Aber ich hoffe trotzdem, dass ich mir diesen Traum auch bald erfüllen werde – ein kleines etwas irres Filmchen, das ich dann in Oberhausen und für das Kurzfilmprogramm des FantasyFilmFests einreichen würde …
Ein anderer Traum ist es, irgendwann aus einigen all der gesammelten „Filmschnipsel“ mit quasi lauter unzusammenhängenden Bildern von verschiedenen Orten, Situationen; Sequenzen eine trotzdem zusammenhängende Geschichte zu erzählen …
Du hättest drei Wünsche...?
Oh fromme Wünsche, die wohl nie in Erfüllung gehen werden, aber eine etwas weniger kapital- und machtgeile Orientierung der Menschheit und dafür mehr Toleranz und Liebe für einander
wäre schön und dass sie noch ein bisschen langsam damit tun den Planeten, der unseren Lebensraum darstellt, komplett zu vernichten.
Für mich selber?
Zufriedenheit (denn ich bin meist innerlich leicht gehetzt und latent unzufrieden, da ich mir immer zuviel vornehme), Gesundheit (mit den Jahren und immer mehr Tod und Krankheit um mich herum, merkt man, dass das doch ganz schön wichtig ist) und dass ich mir immer Träume bewahre, denn das ist ein essentielles Lebenselixier, finde ich!
Vielen Dank für das Interview
Danke für das Interesse!
Darf ich vielleicht noch einen kleinen Aufruf machen?
Für meine „Sammlung“ an Bildern, Filmfetzen, suche ich auch immer Körpermodifikationen bzw. bin an allen Formen, die der menschliche Körper so annehmen kann interessiert …
d.h. zum einen Menschen mit Tattos, Narben, Brandings, Piercings …
zum anderen auch Menschen mit unfreiwilligen Narben, Handicaps, wie Prothesen, Verstümmelungen, …
die es spannend finden, dass Ausschnitte ihres Körpers gefilmt werden, als ästhetisches oder skulpturales Moment, für die Kunst, können, dürfen, sollen gerne mit mir in Kontakt treten.
hirnzucken